Ein Impuls aus christlicher Sicht in Zeiten der Krise – „Es gibt kein Stehen, nur ein Getragen werden.“

Die Tageslosung zum 30. März 2020 – Ein „Impülschen“ von dem Dudweiler Pfarrer Heiko Poersch

Die Losung diesmal aus dem Prophetenbuch Jeremia, Kapitel 8, Vers 4f:

„Wo ist jemand, wenn er fällt, der nicht gern wieder aufstünde? Wo ist jemand, wenn er irregeht, der nicht gern wieder zurechtkäme?“

Die alttestamentarischen Verse klingen zunächst ganz positiv. Aber es scheint gewisse Parallelen zu unserer heutigen Situation zu geben. Jeremia warnt sein Volk vor der drohenden Gefahr, aber sie feiern, als gäbe es kein Morgen. Frei nach seinem Propheten-Kollegen Jesaja: „Lasst uns Corona-Party feiern und fossile Treibstoffe verschwenden, denn morgen sind wir tot“ (Jesaja 22,13, nach der Lutherbibel: „Laßt uns essen und trinken, wir sterben doch morgen!“). Nur wenige Jahre nach diesen Worten wurde Israel von den Babyloniern überrannt und ein vierzigjähriges, schmerzhaftes Exil begann.

Hat die Bibel ein pessimistisches Menschenbild, wenn sie an der Lernfähigkeit des Menschen und an einer stetigen Verbesserung zum Guten hin zweifelt? Nein, sie hat ein realistisches Menschenbild! Nur die ständige Rückbesinnung auf den Schöpfer und auf seine guten Lebensordnungen kann helfen, dass wir zurückfinden zu einem Lebensstil der hilft unsere Erde zu bebauen und zu bewahren (1. Mose 2,15). Das wird nicht ohne Verzicht und manch einschneidende Maßnahmen gehen – das lernen wir gerade auch unter Schmerzen. Aber auch, wenn es uns nicht gelingt, die Erde zu retten, dürfen wir doch an dem Versprechen festhalten bei Jesus immer willkommen zu sein. Im Johannesevangelium, Kapitel 6, Vers 37, dem neutestamentlichen Lehrvers, verspricht Jesus:

„Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen.“

Ähnlich hat das auch vor 100 Jahren Franz Rosenzweig formuliert. Er meldete sich als patriotisch gesinnter Deutscher Jude 1914 freiwillig zum Kriegsdienst und erkannte erst im feindlichen Sperrfeuer, dass er einer menschenverachtenden Propagandamaschine aufgesessen war. In einem Brief an seine Schwester schreibt er: „Kein Mensch kann sich selber helfen. Die Welt ist zwar voller Leute, die sich das einreden, aber es gelingt ihnen allen so wenig, wie es Münchhausen gelang, sich an seinem eigenen Schopfe aus dem Sumpf zu ziehen. Jeder kann immer nur den anderen, der ihm zunächst im Sumpfe steckt, beim Schopfe fassen und vor dem Versinken bewahren.

Dies ist der „Nächste“, von dem die Bibel redet. Diese ganze mechanisch-unmögliche gegenseitige Halterei ist freilich erst dadurch möglich, dass die große Hand von oben alle diese haltenden Menschenhände selber bei den Handgelenken hält. Von ihr her und nicht von irgendeinem gar nicht vorhandenen „Boden unter den Füßen“ kommt allen diesen Menschen die Kraft, zu halten und zu helfen. „Es gibt kein Stehen, nur ein Getragen werden.“ Gebe Gott, dass wir das nie vergessen.

Related posts