Dudweiler Relikte Folge 32 – Juni 2019 – „Die Dardanellen“

(Gastbeitrag H. Sauer) Zu 30 Jahre Erstveröffentlichung der Dudweiler Geschichtswerkstatt

Diesmal ein sprachliches Relikt – Die „Dardanellen“ auf dem Dudweiler Büchel

Von den alten Büchelern wurde der schmale Durchgang zwischen dem Alten Stadtweg und der hinteren Büchelstraße auf den Namen „Dardanellen“ getauft (von manchen gesprächsweise auch „es Päädche“ genannt) – ein Namensrelikt, das, so steht zu vermuten, mit der Zeit in Vergessenheit geraten wird.

  Blick Richtung Alter Stadtweg        Blick vom Alten Stadtweg aus

Auf dem Büchel ist diese Bezeichnung auch heute durchaus noch gebräuchlich – kürzt der Weg doch den Zugang zum Gasthaus „Kopp`s Haus“ vom Alten Stadtweg her – und damit also auch den Heimweg nach dem Zechen – deutlich ab.

Vgl. Jüngst-Kipper, Heidelinde/Jüngst, Karl-Ludwig, Häuserchronik der Südecke des Büchel – Von Nickel Deutschs Vogtei zum Gasthaus KOPP`S HAUS, Historische Beiträge aus der Arbeit der Dudweiler Geschichtswerkstatt (Sondertitel: Neue Beiträge zur Ortsgeschichte), Band 2, S. 6 ff.

Solche Abkürzungen fanden sich in früheren Zeiten in der alten Bebauungslage häufiger. So etwa die ehemalige fußläufige Verbindung zwischen dem Hofweg und der Straße Im Heimgarten – „Wunne Päädche“ genannt (im Hofweg begann der Weg an der ehemaligen Metzgerei Wunn) oder „Adams Päädche“ zwischen Sudstraße und der Straße Am Alten Turm mit Brücke über den Sulzbach, der bis zur Fertigstellung der Sulzbachtalstraße um 1960 dort noch offen verlaufen ist.

Vgl. zu den Dudweiler Straßen und Wegen: Jakobs/Sauer/Wahl, Straßenlexikon Dudweiler-Herrensohr-Jägersfreude, Hrsg. Dudweiler Geschichtswerkstatt, 2017

Der grob befestigte Weg der „Dardanellen“ wurde zu früheren Zeiten sicher häufiger genutzt, zumal man über ihn auch zu den Feldern südwestlich des Büchels in der Flur „Harschbach“ gelangen konnte.

Wie erklärt sich nun die Bezeichnung „Dardanellen“ für diese unscheinbare Wegeverbindung im weit von der Türkei und der Meerenge der Dardanellen im Mittelmeer entfernten Dudweiler ?

Dass die echten Dardanellen Namenspate waren, dürfte nicht zu bestreiten sein.

Zu diesen erläutert Wikipedia (Abruf 01.06.2019 unter den Stichworten „Dardanellen“ und „Schlacht von Gallipoli“ – kurz zusammengefasst):

Die Dardanellen (im Altertum: Hellespont genannt) sind eine zur Türkei gehörende Meerenge. Sie liegen zwischen der europäischen Halbinsel Gallipoli und dem zu Kleinasien gehörigen Nordwest-Anatolien. Die etwa 65 Kilometer lange Meerenge ist zwischen 1,3 und 6 Kilometer breit.

Während des Ersten Weltkriegs waren die Dardanellen aufgrund ihrer strategischen Lage Schauplatz heftiger kriegerischer Auseinandersetzungen zwischen der dort von Großbritannien geführten Entente (GB, Frankreich, Russland) und den mit dem deutschen und dem österreichischen Kaiserreich (sog. Mittelmächte) verbündeten Osmanischen Reich, die 1918 in der Schlacht von Gallipoli mit hohen Verlusten auf beiden Seiten gipfelten. Deutsche Marineeinheiten und Militärberater waren von 1914 an auf diesem Kriegsschauplatz, auf dem um den Seeweg zum Schwarzen Meer und damit insbesondere den Hafenstädten Russlands gekämpft worden ist, präsent.

Die zur Zeit des 1. Weltkrieges in Dudweiler gelesene Presse war natürlich voll von Artikeln über die Kriegsereignisse. Von daher dürften die Dardanellen in den Kriegsberichten der Nachrichtenblätter, andere Medien existierten damals noch nicht, breiten Raum eingenommen haben und die Ereignisse um die z. T. sehr schmale Meerenge zum Gesprächsstoff an den Theken der Gasthäuser gesorgt haben. Da lag es wohl nahe, den hiesigen engen und bisher namenlosen Durchgang zum Gasthaus Kopp im Bücheler Volksmund, vielleicht auch in Bierlaune, „Dardanellen“ zu taufen, wobei auch der lautmalerisch exotische Klang der Ortsbezeichnung hierzu beigetragen haben könnte.

Anregung zu einer solchen Namensgebung nach einem geographisch fernen Ort mag zudem das Beispiel der damals noch nicht so arg lange Zeit zurückliegenden ebenso volkstümlichen Benennung des Ortsteiles um die Gärtnerstraße mit „In der Kiautschou“ gewesen sein. Dieser Teil von Dudweiler wurde in Anklang an den Auslandseinsatz eines aus dem Ort stammenden Angehörigen des 1900 nach China entsandten deutschen Kontingents der internationalen Interventionstruppen gegen den sog. Boxeraufstand in China benannt. Dieser Marinesoldat stammte aus dem Ortsbereich der heutigen Gärtnerstraße und hat nach seiner Rückkehr vom Militärdienst dort wieder Wohnung genommen. Er wurde im Dudweiler des ausgehenden Kaiserreiches als eine Art Kriegsheld angesehen. Anknüpfungspunkt der deutschen Teilnahme an der alliierten militärischen Operation in China waren die kolonialen Interessen an dem vom Deutschen Reich gepachteten chinesischen Hafen Kiautschou.

Vgl. dazu ausführlich: Meier, Friedrich, „Kiautschou“ – Dudweiler „Klein-China“?, Historische Beiträge aus der Arbeit der Dudweiler Geschichtswerkstatt, Band 9. S. 28 ff.

Auffallend an den „Dardanellen“ auf dem Büchel ist die vom Alten Stadtweg her den Durchgang südlich begrenzende Giebelwand, an der man die Bauweise der alten Dudweiler Häuser aus Bruchsteinmauerwerk ablesen kann. Das dortige Haus gehört mit zu den ältesten Häusern des Ortskerns von Dudweiler.

             Auffallend ist zudem das Nivellierungseisen in dieser Wand.

Üblicherweise besteht es aus einer Art dickerem eisernen Knopf, der nur wenig aus der Wand herausragt. Hier ist es ein etws längeres schmales Rundeisen und damit eine ältere Version solcher Messpunkte, wie sie eher nur noch selten zu sehen ist. Vgl. dazu auch: Dudweiler Blog – Dudweiler Relikte Folge 31 – Mai 2019 – Ein Handgriff am Dudweiler Wasserwerk

Vgl. zur Bebauung und den Familien des Büchel in historischer Abfolge: Jüngst-Kipper, Heidelinde/Jüngst, Karl-Ludwig, a. a. O., und dieselben, Einwohner von Dudweiler und Jägersfreude vor 1815, 1990, dort u. a. die Karten S. 771 ff.

Alle Fotos im Text: H. Sauer, 2019

Hierzu sachkundige Kommentare oder ergänzende Informationen zu erhalten, ist ausdrücklich erwünscht – entweder über Dudweiler Blog oder zur E-Mail-Adresse: dudweiler977@dudweiler-geschichtswerkstatt.de

In einer kurz erläuterten Bilderfolge im Dudweiler Blog erinnert die Dudweiler Geschichtswerkstatt (DGW) an einzelne in seinen Sammlungen und im Ortsbild des Stadtbezirks Dudweiler vorhandene Objekte und versucht solche „Kleindenkmale“ und Erinnerungsstücke zu dokumentieren. Dudweiler Blog hat berichtet.

Die Dudweiler Geschichtswerkstatt ist eine Arbeitsgemeinschaft der Volkshochschule des Regionalverbandes Saarbrücken – VHS in Dudweiler, die jedermann zur Mitarbeit offen steht. Weitere Informationen und Hinweise zu den Publikationen unter: www.dudweiler-geschichtswerkstatt.de

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