Dudweiler Relikte Folge 23 – Januar 2019

(Gastbeitrag H. Sauer, DGW) Zu 30 Jahre Erstveröffentlichung der Dudweiler Geschichtswerkstatt 1989-2019

Ein Dudweiler „Relikt“ in der Saarbrücker City „wiederbelebt“ – Die Schallplattensammlung Enno Spielhagen

Kaum bemerkt von der Dudweiler Öffentlichkeit wechselte die Schallplattensammlung von Enno Spielhagen aus dem Dudweiler Bürgerhaus nach Saarbrücken. Dort hat sie die Stadtbibliothek Saarbrücken (Rathauskaree in St. Johann) in ihren Bestand übernommen und erstmals nach langen Jahren des Dahindämmerns wieder für die Nutzung durch Bürger und Interessierte zugänglich gemacht – und das auch mit der Möglichkeit, Musiktitel per USB herunterzuladen.

Damit ist eine langjährige Hängepartie zu Ende gegangen. Nachdem die frühere Stadtbibliothek in Dudweiler, die die Plattensammlung bis jedenfalls zum Ende der 1990er Jahre mit den damaligen, noch rein analogen Wiedergabemöglichkeiten der öffentlichen Nutzung zugeführt hatte, verschwand die Plattensammlung irgendwann im Kellerdepot der nach der Gebiets- und Verwaltungsreform von 1974 nur noch als Stadtteilbibliothek fortgeführten Dudweiler „Bücherei“ (vgl. dazu: Jörg Sämann, Vom Bücherschrank zum Bürgerhaus – Stadtbibliothek Dudweiler im Wandel des Jahrhunderts, Historische Beiträge aus der Arbeit der Dudweiler Geschichtswerkstatt, Band 4, 1996, 89 ff., 94). Dort war die Sammlung später allenfalls noch eingeschränkt zu nutzen und in gewisser Weise zu einem Dudweiler Relikt aus Zeiten kommunaler Noch-Teil-Selbständigkeit als Stadtbezirks mit hauptamtlichem Bezirksbürgermeister und eigener Bezirksverwaltung geworden.

Auf Initiative des damaligen Bezirksratsmitglieds Gerd Kiefer wurde die Sammlung, die nach dem Schenkungsvertrag mit der Witwe von Enno Spielhagen aus dem Jahr 1983 in Dudweiler bleiben sollte, mit 2013 einstimmig gefasstem Beschluss des Dudweiler Bezirksrates in die Obhut der Stadtbibliothek Saarbrücken gegeben (Vgl. den Artikel von Peter Wagner, „Wer hebt Ennos Platten-Schatz?“ in der Saarbrücker Zeitung vom 10.10.2013 – www.saarbruecker-zeitung.de/saarland/saarland/wer-hebt-ennos-platten-schatz_aid-82340). 2018 ist sie dort angekommen und wieder zugänglich gemacht worden.

Hierzu ist der Pressemitteilung des Saarländischen Rundfunks zur Sendung „Wir im Saarland – Saar nur!“ vom 19.12.2018 zu einem am Freitag, 21. Dezember, um 18.15 Uhr, im SR Fernsehen ausgestrahlten Sendebeitrag zu entnehmen:

„Super Singles: Enno Spielhagens Plattensammlung in der Saarbrücker Stadtbibliothek“

Enno Spielhagen war ein bekannter Radiomoderator und Discjockey in Luxemburg und Saarbrücken. Im Auftrag des Saarländischen Rundfunks baute er zu Beginn der 1960er Jahre die Europawelle Saar auf. Als Spielhagen 1974 verstarb, hinterließ er eine umfangreiche Plattensammlung. Die befindet sich inzwischen im Archiv der Stadtbibliothek Saarbrücken. Mehr als 4000 Singles sind für die Öffentlichkeit zugänglich und können per USB-Stick überspielt werden. „Wir im Saarland – Saar nur!“ hat sich diese musikalische Schatzkiste angeschaut und dabei auch die Tochter von Enno Spielhagen getroffen.“ Bedauerlicherweise ist der Beitrag selbst offenbar nicht in die Mediathek des SR eingestellt worden.

Die Stadtbibliothek Saarbrücken informiert unter dem Link: http://stadtbibliothek.saarbruecken.de/bibliothek/schallplattensammlung_in_der_bibliothek

über den Inhalt des Archivs und die Nutzungsmöglichkeiten u. A. wie folgt:

„Enno-Spielhagen-Archiv“.

Die Stadtbibliothek hat 2018 das Enno-Spielhagen-Archiv mit über 28.000 Schallplatten übernommen.

Das Herzstück bilden 4.147 Singles aus der deutschen und internationalen Unterhaltungsmusik von 1954 bis 1965 – zum größten Teil so genannte unverkäufliche Demos, die von Spielhagen vermutlich nach seinem Vornamen Enno als „E-Platten“ gekennzeichnet sind.

„Besucher der Stadtbibliothek können die E-Platten über das Bestellformular zum Anhören vor Ort reservieren und selbst auf einen eigenen USB-Stick übertragen. Maximal können 5 Artikel auf einmal bestellt werden. In der Regel erhalten Sie spätestens am nächsten Öffnungstag eine Bestätigung per E-Mail. Ab dann können Sie die bestellten E-Platten an der Infotheke im Erdgeschoss innerhalb von fünf Öffnungstagen in Empfang nehmen und in der Internet-Lounge mit dem bereitgestellten Plattenspieler anhören.“

Enno Spielhagen, auch bekannt unter dem in seinen Zeiten bei Radio Luxemburg erworbenen Moderatorennamen „Franz“, ist dem Autor dieser Zeilen insbesondere von seiner Rundfunksendung „Schallplatten kritisch betrachtet“ her bekannt.

Unter diesem Sendeformat setzte er sich mit der Musik und den Songtexten in den 1960er Jahren auseinander und hielt dabei mitunter auch nicht mit seiner Kritik zurück. Es war im Jahr 1966, als der damalige Dudweiler Pfarrer Jürgen Eggebrecht den in Dudweiler am Gehlenberg wohnenden „Franz“ in die Evangelische Jugendgruppe in das Oberlinhaus eingeladen hatte, um dort eine aktuelle Schallplattenauswahl zu präsentieren und kritisch zu betrachten. Dem dort selbst anwesenden Autor dieses Textes ist dabei in besonderer Erinnerung, wie sich Enno Spielhagen mit der gerade erschienenen und in den USA meistverkauften Single „The Ballad of the Green Berets“, gesungen von dem Vietnamveteran Sergeant Berry Sadler, und der in etwa zeitgleich unter dem Titel „Hundert Mann und ein Befehl“ von Freddy Quinn interpretierten deutschen Version des Liedes auseinandergesetzt hat.

Der deutsche Text ist aus der Sicht des Soldaten geschrieben und stellt den Sinn des Kriegs in Frage, während der englische Text eine Hymne auf die US-Spezialeinheit darstellt. Vor dem Hintergrund des Vietnam-Krieges und des sog. Kalten Krieges mit atomarer Bedrohung war die Thematik des Songs unter den damaligen Jugendlichen, vor allen auch bei denjenigen, denen der Pflichtwehrdienst bevorgestanden hat, höchst aktuell. Hierzu mit einem 1918 geborenen und im 2. Weltkrieg als Offizier mehrmals verwundeten Erwachsenen, der sich offenbar mit seiner Vergangenheit auseinandergesetzt hat, was damals eher eine Seltenheit war, kritisch diskutieren zu können, war für uns Jugendliche mit prägend, zumal er auch bei dieser Gelegenheit als „Discjockey“ mit seiner klaren Sprache und unverkrampften Art punkten konnte.

Letztere wird auch an dem angefügten Interview mit dem Dudweiler Bürger Enno Spielhagen, das im April 1964 in der Schülerzeitung „forum“ des Staatlichen Aufbaugymnasiums Ottweiler veröffentlicht worden ist (Kopie in der Sammlung des Autors), deutlich.

Hier erläutert er seine Beweggründe seines Wechsels als „Plauderant“ in das Saarland zum SR (Abschrift in alter Rechtschreibung):

„Bei unserem Besuch beim SR hatten wir die einmalige Gelegenheit, den weit u. breit bekannten „Discjockey“ Franz zu interviewen. Mit der Programmänderung beim SR ging er von Radio Luxemburg nach Saarbrücken über, von wo er jetzt täglich seine Zuhörer unterhält. Die Gründe, weshalb er zum SR überwechselte, und einiges über sein Leben als „Plauderant“ erzählte er uns in folgendem Interview.

forum: „Der Saarländische Rundfunk hat mit der Programmneugestaltung eine Reihe neuer Sprecher aufgenommen. Allerdings sind dies Sprecher, die sich bei anderen Rundfunkanstalten schon einen Namen gemacht haben, wie beispielsweise Sie selbst, Hanns Verres oder Elisabeth. Glauben Sie, daß der SR recht daran getan hat, den anderen Sendern diese Sprecher „wegzuschnappen“, anstatt selbst neue Leute aufzubauen und sie zu „Begriffen“ werden zu lassen ?

Franz: „Der SR war gezwungen, sich von anderen Sendern Sprecher zu beschaffen, da er ja ein ganz neues Programm aufbaute. Für dieses Programm konnte er nicht die bisherigen Sprecher gebrauchen, die als sachliche Ansager oder Nachrichtensprecher fungierten. Es ist beinahe unmöglich, aus einem solchen Ansager einen munteren Plattenplauderer zu machen, wie es das neue Programm erfordert. Es gibt einige wenige Ausnahmen – Leute, die tatsächlich vielseitig begabt sind , wie z.B. Klaus Greindl, der aus der alten Hausmannschaft des SR stammt, der aber die Ader für einen Disc-Jockey oder, wie man hier zu sagen beliebt, Plauderanten hat. Die Entscheidung, daß das Programm umgestaltet werden sollte, kam für den SR viel zu schnell, als daß er sich selbst hätte Sprecher „aufbauen“ können. Radio Luxemburg hatte schon von Anfang an ein solches Programm und hatte es so wesentlich leichter als der SR. Dabei geht der Sender aber auch das Risiko ein, wie z.B. Radio Luxemburg es mit Elisabeth eingegangen war. Man holte sich eine Sekretärin aus dem Büro und setzte sie vor das Mikrofon – und siehe da – mit Erfolg. Solche Wagnisse könnte sich eine deutsche Rundfunkanstalt gar nicht erlauben. Radio Luxemburg dagegen kann sich das leisten; es muß keine Rücksicht nehmen, ob die Sendung gefällt oder nicht, denn es ist finanziell nicht von seinen Hörern abhängig. Die große Masse, bei der die Reklame ja ankommen soll, kümmert sich nur um die Musik, die pausenlos gesendet wird.

forum: Warum sind Sie nach Saarbrücken übergewechselt?

Franz: Es waren ziemlich nüchterne Erwägungen, die mich diesen Entschluß fassen ließen. Ich muß in meinem Alter -ich bin jetzt fast 46- langsam wissen, wo ich hingehöre. Ich hatte den Herren in Luxemburg gesagt, sie müßten jetzt in irgendeiner Form zu einer Entscheidung kommen, entweder mir erheblich mehr Geld geben, damit ich mir Rücklagen für mein Alter machen kann, oder aber mir einen festen Vertrag geben, den ich bislang nicht hatte. Leider konnten sich die Herren zu keinem Entschluß durchringen, so daß ich mich gezwungen sah, mich um eine andere Stelle umzusehen. Die Gelegenheit bot sich gerade hier in Saarbrücken, als der Beschluß des SR bekannt wurde, das Programm umzugestalten. Ich habe mich gemeldet und wurde als freier Mitarbeiter auch angestellt.

forum: Würden Sie uns nun bitte etwas aus Ihrem Leben erzählen, u.a. wie Sie zu Ihrem Beruf kamen.

Franz: Ich habe eine Oberschule besucht und auch das Abitur gemacht. Danach wurde ich zum Arbeitsdienst einberufen und konnte dann die Uniform gleich anbehalten, als der Krieg kam. Nach sieben Jahren -sechs Jahre im Feld und ein Jahr in der Gefangenschaft- stand ich ohne jegliche Berufsausbildung da. Ich versuchte es als Kriminalpolizist und als Verkäufer, bis ich eines Tages las, daß der NDR Rundfunksprecher suchte. Da ich schon als kleiner Junge beim Rundfunk in Hörspielen mitgewirkt hatte, meldete ich mich voller Zuversicht und wurde auch angenommen. Ich absolvierte in dieser Zeit eine Sprechschule und legte meine Prüfung ab, später dann sogar eine Prüfung als Sprechlehrer. Dann wechselte ich nach Frankfurt als Nachrichtensprecher über. In Frankfurt blieb ich dann, bis ich nach Luxemburg als Disc-Jockey ging. Man engagierte mich in Luxemburg zweimal für zwei Monate, schließlich blieb ich ganz dort. Nun bin ich hier in Saarbrücken beim SR, und ich hoffe, daß die Hörer nach wie vor mit mir zufrieden sind.

forum: Wir danken Ihnen und wünschen Ihnen nach diesem guten Start beim SR weiterhin viel Erfolg.“

Ein informativer Lebenslauf von Enno Spielhagen findet sich im Wikipedia-Eintrag zu seinem Namen. Dort kann man auch seine Stimme in Form der Aufzeichnung eines Interviews mit ihm hören, sind einige Fotos zu sehen und weitere Links zu seiner Person verzeichnet.

Als Dudweilerer mag man bedauern, dass die dem Stadtbezirk eigentlich zum ausschließlichen Verbleib im Ort zugedachte Sammlung nun keinen Platz in Dudweiler mehr hat; dennoch ist es positiv zu sehen, dass die Sammlung nunmehr wieder öffentlich zugänglich ist. Gerade das ist eine der weiteren Bedingungen des o. a. Schenkungsvertrages, der zudem bestimmt, dass die Sammlung in ihrem Bestand erhalten werden muss.

Beitragsfoto Singles 1960er: H. Sauer

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