Lokaljournalismus 2.0: Saarbrücken beweist „Geschmäckle“ beim Handyparken

Parkscheinautomat

Die Diskussion ums Handyparken in Saarbrücken, das seit dem 1. Januar von einem neuen Anbieter betreut wird, ist ein Lehrstück in Sachen Lokaljournalismus in Zeiten des Web 2.0. Was zunächst wie ein kleiner Service-Beitrag aussah, ist zu einer ernsthaften Diskussion ausgewachsen. Von einem Skandal zu sprechen, wäre weit hergeholt, aber ein fader Beigeschmack bleibt.

Seit die Stadt Ende des Jahres in einer umfangreichen Presseerklärung über das neue System beim Handyparken berichtet hat, reißt die Kritik daran nicht ab. In der Saarbrücker Zeitung kamen Leser zu Wort, die von „Abzocke“ und „Frechheit“ sprachen. Meiner Meinung nach etwas übertrieben – immerhin ging es nur um ein paar Cent Parkgebühren. Das hatte mich zu der Entscheidung bewogen, einen Kommentar zu dem Thema zu veröffentlichen. Eine Einzelmeinung, ja! Aber eine Meinung von der man ausgehen konnte, dass sie auf einem einigermaßen soliden Fundament gestanden fußte: Der offiziellen Pressemitteilung der Stadt und Stellungnahmen dazu in der örtlichen Presse. Schließlich ging es hier nicht um einen großen Vertuschungsskandal und Millionen von Euro (der Vierte Pavillon lässt grüßen), sondern um eine relativ simple Angelegenheit wie Handyparken.

Interessant wurde die Geschichte, als sich über die Kommentarfunktion des Blogs nach und nach Leser einschalteten, die sich mit mobilen Bezahlsystemen auskennen – schlussendlich sogar der scheidende Anbieter Mobile City. Und die warfen mit ihrem Hintergrundwissen ein neues Licht auf die Sache.

Handy-Parkkosten höher als von der Stadt behauptet

Ein Kritikpunkt, der angesprochen wurde, waren beispielsweise die SMS-Gebühren: Selbst bei einer SMS-Flatrate koste das neue Angebot – im Gegenteil zum früheren Service, der kostenlos war. Eine Nachfrage beim neuen Anbieter ergab: Der Leser hatte zumindest teilweise Recht mit seiner Kritik. Ja, es fallen SMS-Gebühren an, die nicht durch eine Flatrate gedeckt werden. Sie liegen aber nicht im maximal möglichen Bereich bis 99 Cent, sondern nach Angaben einer Sprecherin von sunhill technologies, dem neuen Anbieter, lediglich bei 12 bis 19 Cent. Auch wenn es nur um Cent-Beträge geht – die Stadt hatte hier falsch informiert!

Zu dem Zeitpunkt schaltete sich auch Mobile City als unterlegener Anbieter zu: Sie kritisierten vor allem den Umgang mit dem Unternehmen von Seiten der Stadt, die das Angebot von Mobile City angeblich gar nciht erst in Betracht gezogen habe. Es habe zwar eine Ausschreibung gegeben, die sei aber an eine veraltete E-Mail-Adresse gesendet worden. Nachdem das bei Mobile City bemerkt worden sei, habe die Stadt aber zugesichert, auch ein verspätetes Angebot noch zuzulassen – was letztlich aber wohl nicht geschehen ist. Zudem sei die Stadt wohl nicht gesprächsbereit gewesen.

Die Gründe dafür mögen vielfältig sein – in der Presse war unter anderem zu lesen, dass die Stadt mit der Verlässlichkeit der Technik nicht zufrieden war. Das mag stimmen – dennoch bleibt ein Geschmäckle, wie die Stadt mit Mobile City umgesprungen zu sein scheint. Immerhin handelt es sich hierbei um ein Saarbrücker Unternehmen – also eine Firma, die einen Teil ihres Gewinns mit großer Wahrscheinlichkeit wieder als Gewerbesteuer an die Landeshauptstadt abgibt.

Das Lehrstück in Lokalberichterstattung

Aus Sicht des Lokaljournalisten ist die Geschichte spannend, weil sie doch exemplarisch zeigt, wie lokale Berichterstattung in Zeiten des Web 2.0 funktionieren kann: Der Journalist muss nicht mehr alle Facetten eines Themas von Grund auf kennen, bzw. erahnen, welche Geschichten sich noch hinter einer Meldung verbergen. Die Leser tragen mit ihrer Beteiligung dazu bei, die noch unentdeckten Facetten zu beleuchten und so am Ende ein rundes Bild herzustellen. Andere Leser können die Entstehung der Geschichte in ihrer Gesamtheit transparent verfolgen und sich so womöglicher leichter eine eigene Meinung bilden – solange die Fakten stets nachprüfbar bleiben und Meinungen als solche gekennzeichnet werden. So kann am Ende auch ein kleiner Blog zur Vielfalt in der lokalen Meinungsbildung beitragen.

Lediglich die Pressestelle der Stadt scheint bei dieser Art der Lokalberichterstattung noch Nachholbedarf zu haben. Eine Stellungnahme, um die schriftlich ersucht wurde, steht bislang aus. Und das, meine Damen und Herren Pressesprecher, hinterlässt zumindest bei mir einen faden Beigeschmack. (Thomas Braun)

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5 Thoughts to “Lokaljournalismus 2.0: Saarbrücken beweist „Geschmäckle“ beim Handyparken”

  1. Wagner Carola

    Ich bin auch selbst betroffen und spüre den faden Beigeschmack ebenfalls ganz deutlich. Habe die „alte Art“ des Parkens als einfach empfunden und finde, abgesehen von der „Abzocke“, die neue Form des Handyparkens umständlich.

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  2. Gerd Beschler

    Tja, Frau Britz und ihre roten Spießgesellen im Namen des Bürgers unterwegs…. vielen Dank dafür.

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  3. Harald Groß

    Hallo an alle 🙂

    Ich bin zwar von der Parksituation nicht betroffen, aber, wie jedem von uns, gehen mir die Machenschaften der Stadt Saarbrücken gehörig auf die Nerven.
    Mit Bürgernähe hat das mal wieder gar nichts zu tun.
    Und wie man aus dem Kommentar von Mobile City ersieht, war ja schon von Anfang an geplant, hier die Verbindung zu kappen.
    Es erscheint doch eher unwahrscheinlich, dass man bei der Stadt Saarbrücken die aktuellen E-Mailadressen seiner Geschäftspartner nicht kennt.
    Von daher liegt die Vermutung nahe, dass das Angebot mit Absicht an die veraltete Adresse geschickt wurde, damit sich nicht mit denen „herumärgern“ muß.
    Alles in allen kommt diese fragwürdige Praxis von Frau Britz und Komplizen nicht zum ersten Mal vor.
    Mit „hintenrum“ und „unter der Hand“ kennt sich diese Bürgermeistern BESTENS aus.
    Ein eingängiges Beispiel hatten wir auch in Dudweiler, als sie ausgerechnet während der Faschingszeit die Schließung von Freibad, Bücherei usw. postulierte.
    Ein Schelm, wer dabei an hinterlistiges Verhalten denkt….

    Harald Groß

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  4. Christian Weirich

    Die Stadt Saarbrücken hat sich soeben zu den kritisierten Punkten nochmals geäußert. Den genauen Wortlaut findet ihr hier im Dudweiler Blog: http://www.dudweiler-blog.de/2012/01/stadt-saarbrucken-ausert-sich-zum-handyparken/1684

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  5. Mregine

    Den faden Beigeschmack und die mangelnde Bürgernähe bei den Saarbrücker Behörden empfinde ich auch immer wieder als unangenehm. Dagegen fand ich die Beiträge von MobileCity auf diesem Bolg ganz gut. Viva Web2.0 und Dudweiler-Blog, wo man als Bürger noch seine Meinung los wird 🙂
    Ich war glücklicher Nützer von MobileCity, werde das neue System aber nicht nützen, da ich ansonsten immer 30-35 Cent für ca. 45 Minuten bezahlt habe und jetzt 49 Cent zahlen würde, wenn die SMS nachher wirklich nur 9 Cent kostet.

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